«Beim Thema Nachhaltigkeit gibt es keine Konkurrenz»

Transgourmet unterstützt ihre Kundinnen und Kunden bei Food-Save-Massnahmen, trägt und prägt Brancheninitiativen und gehört zu den Pionieren im Abhol- und Belieferungsgrosshandel. Sophie Bosshart sorgt dafür, dass das so bleibt.

 

Transgourmet setzt Nachhaltigkeit auf drei Säulen: nachhaltige Sortimentsleistung, Ressourceneffizienz und Klimaschutz sowie Mitarbeitende und Gesellschaft. Welche der drei Dimensionen ist die wichtigste für Sie?

Sophie Bosshart: Alle drei Säulen sind gleichwertig. Es geht darum, die Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Soziales gemeinsam zu verbessern und zu entwickeln.

 

Was ist unter der nachhaltigen Sortimentsleistung zu verstehen?

Wir bieten ein Vollsortiment an. Dazu gehören zum Beispiel 160 ASC– oder MSC-zertifizierte und rund 700 Bio– und EU-Bio-zertifizierte Produkte. Mit der Zertifizierung können unsere Kundinnen und Kunden die Standards ebenfalls ausloben. Und dann gibt es die Transgourmet-Eigenmarken Origine und Natura. Mit diesen erbringen wir weitere Nachhaltigkeitsleistungen.

 

Bei den zertifizierten Produkten übernehmen die Label-Inhaber die Festlegung der Standards. Wie machen Sie da bei den Eigenmarken?

Für Themen wie Tierwohl oder kritische Rohstoffe – zum Beispiel Palmöl – haben wir messbare Ziele definiert. Wir verfolgen Ziele für die Reduktion von Verpackungsmaterial und CO2-Emissionen. Und wir wollen gemäss der Science Based Target Initiative (SBTi) bis 2050 auf Netto-Null CO2-Emissionen.

 

Wie müssen Sie das Transgourmet-Sortiment verändern, um die Ziele zu erreichen?

Wir sind erst in der Erhebungsphase und erfassen Emissionen in unserem Sortiment. Präzise Angaben sind aktuell noch schwierig.

Wir stellen fest, dass die Beziehungspflege und die Zusammenarbeit mit den Lieferanten noch wichtiger werden. Nicht zuletzt, weil sich immer mehr Unternehmen der SBTi anschliessen oder individuell ihre CO2-Emissionen reduzieren wollen.

 

Macht die SBTi Vorgaben zur Reduktion von Food Waste?

Indirekt – wenn wir zu Food Save beitragen, dann senkt das auch unsere CO2-Emissionen und trägt zur Zielerreichung bei.

 

Transgourmet hat vor 20 Jahren massgeblich zur Gründung von Tischlein Deck Dich beigetragen – welche Rolle spielen dieses und ähnliche Pionierprojekte heute?

Tischlein Deck Dich ist für uns nach wie vor enorm wichtig, weil wir so in der ganzen Schweiz gute und gesunde aber nicht mehr verkaufsfähige Lebensmittel retten und für einen guten Zweck einsetzen können.

 

Sie sind auch im Vorstand von United Against Waste. Warum?

Weil wir durch unsere Mitgliedschaft das Thema Food Save intern und extern vorantreiben können.

 

Wie?

Wir sind sehr nahe dran an der Entwicklung und können diese mitbestimmen. Unsere Kundinnen und Kunden profitieren von unserem Wissen, das wir sehr gerne weitergeben. Und wir können Lösungen in der Praxis einführen und testen, bevor sie im Gesetz niedergeschrieben werden.

 

Wie sensibilisieren Sie Kundinnen und Kunden für Food Save Massnahmen?

Nicht nur in Bezug auf Food Save Massnahmen. Wir haben in unseren Folien für die Firmenpräsentation eine Übersicht über unsere Nachhaltigkeitsbestrebungen und kommunizieren jeden Monat ein Schwerpunktthema im Bereich Nachhaltigkeit für die interne und externe Wissensvermittlung. Im August war es zum Beispiel Food Waste. Ziel ist, dass alle Mitarbeitenden wissen, was läuft und Kunden auf aktuelle Projekte und mögliche Lösungen hinweisen können – direkt oder über Partner wie United Against Waste.

 

Wie reagieren ihre Verkäuferinnen und Verkäufer auf die Nachhaltigkeitsziele?

Sie sind sehr interessiert – genauso, wie unsere Kundschaft.

 

Wo besteht aus Ihrer Sicht auf politischer Ebene der grösste Handlungsbedarf?

Ein wichtiger Schritt ist sicher, dass es den Aktionsplan gegen Food Waste gibt und dieser Produktion und Gastronomie mitberücksichtigt. Wir sehen in Frankreich oder Grossbritannien, dass strenge Gesetze die Nutzung von Überschüssen vereinfacht und verbessert und Food Waste reduziert. Der Bundesrat wird hier erst nach 2025 obligatorische Massnahmen prüfen. Ich wünsche mir, dass der Prozess schneller konkrete Resultate hervorbringt.

 

Gross- und Detailhandel sind für etwa 5 Prozent der Lebensmittelverluste und etwa 8 Prozent der Umweltwirkung verantwortlich. Gibt es da noch Food-Save-Potenzial?

Tatsächlich schöpfen wir schon sehr viel Potenzial aus. Trotzdem verbessern wir uns täglich. Unsere Bestellsysteme werden intelligenter, machen bessere Vorschläge für die Einkaufsmengen. Unsere Mitarbeitenden sind gut geschult. Durch unsere guten Kundenbeziehungen können wir zudem Restbestände proaktiv abverkaufen.

 

Welche Erfahrungen machen Sie mit der Umsetzung des MHD+?

Für eindeutige Aussagen ist es noch etwas früh; der Start ist geglückt. Sicher bedeutet die Umsetzung einen kleinen Mehraufwand für die Märkte. Erfahrungswerte haben wir hier aber noch nicht wirklich. Bei keinem Markt ist bis jetzt der Prozess zum Einsatz gekommen, so dass wir auf Rückmeldungen zurückgreifen könnten. Ich denke diese Frage muss man im Moment noch ein bisschen offen lassen, bis die Umsetzung richtig angelaufen ist.

 

Sie verkaufen auch diese Produkte an ausgewählte Kunden?

Ja; wir können aus Platzgründen in unseren Abholmärkten kein zusätzliches Regal für die Produkte einrichten. Deshalb gehen unsere Verkäuferinnen und Verkäufer proaktiv auf Kunden zu, von denen wir annehmen, dass sie Interesse an den Produkten haben. Das funktioniert bisher gut, da der Prozess des Einfrierens nicht neu für uns ist. Einzig die Abgabe von Lebensmitteln nach Ablauf MHD ist neu, wie etwa von Trocken-Produkten.

 

Ein wichtiges Element in der Beschaffung sind Handelsusanzen – und diese stehen regelmässig in der Kritik dafür, Food Waste zu verursachen.

Ja, deshalb braucht es den gesellschaftlichen Wandel. Denn wir sind Teil eines Marktes, einer Branche. Da gibt es Regeln, die wir einhalten wollen und teilweise auch müssen. Deshalb plädieren wir für Branchenlösungen und sind Teil von United Against Waste. Es ist sehr wichtig, dass wir beim Thema Nachhaltigkeit zusammenarbeiten. Bei Nachhaltigkeit gibt es keine Konkurrenz.

 

Letzte Frage: wie sieht die Welt von Transgourmet im Jahr 2050 aus?

Sie ist CO2-neutral und emissionsfrei. Es gibt keine Diskussionen mehr über die Umsetzung, ressourcenschonende und nachhaltige Praktiken sind selbstverständlich. Und wir können feststellen, dass wir den Transformationsprozess rechtzeitig angestossen haben.

 

Sophie Bosshart, Transgourmet

Sophie Bosshart, Fachspezialistin Nachhaltigkeit, Transgourmet Schweiz AG

 

Infobox: Staatlich und privates Handeln ergänzen sich

Die wissenschaftlichen Dienste des deutschen Bundestages haben 2019 Food-Save-Regulierung in ausgewählten Ländern verglichen (Hier direkt zum Dokument). So hat Frankreich Unternehmen mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern seit 2016 verpflichtet, unverkäufliche, aber noch geniessbare Lebensmittel an eine zugelassene karitative Organisation zu spenden.

 

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